Samstag, 17. Dezember 2011

Skandale und Skandälchen

Im Moment zieht #esogate durch die Presse: Die Fraktion der Piraten im Berliner Abgeordnetenhaus hat als Fraktionsgeschäftsführerin eine Dame angestellt, die von der Wirkungskraft der Esoterik überzeugt ist und auch dementsprechende Seminare an Jugendliche anbietet.

Unter anderem glaubt und verbreitet sie, unter anderem auch in einem Buch, dass Leute nach einem Flugzeugabsturz nur verhungern, weil sie glauben, dass sie verhungern müssten, oder dass ernsthafte Krankheiten wie Krebs durch reine Geisteskraft heilbar seien, weil sie nur Ausdruck eines seelischen Ungleichgewichts oder so etwas seien. Ich kenne diese Aussagen nur vom Hörensagen, es ist mir auch egal, was die Frau glaubt.

Wenn man ein wenig recherchiert, wird man in der CSU oder CDU sicher Angestellte - gewählte Politiker - finden, die glauben, dass man keine Kondome benutzen sollte. Dass der Papst unfehlbar sei. Und ähnlichen Schund, den man von erzkonservativen Katholiken, jetzt nur mal als Beispiel, halt nun mal erwarten muss.

Wenn jemand derartige Auffassungen politisch aktiv vertritt, wird er für mich automatisch unwählbar. Muss man nun aber seine Angestellten auf diese Überzeugungen hin überprüfen, als politische Partei oder Fraktion? Und ab welchem Überzeugungsgrad ist eine Person nicht mehr als Angestellte der Fraktion tragbar?

In der Diskussion auf Twitter sind mir einige Argumente begegnet:

  1. die Tatsache, dass die Dame damit Geld verdient hat.
  2. die Tatsache, dass die Dame Kinder und Jugendliche anvisierte.
  3. die Tatsache, dass sie geschmacklose Beispiele in ihrem Buch veröffentlicht hat.
  4. die Tatsache, dass ihre Ansichten auf die Gesundheitspolitik Einfluss nehmen könnte.

Ich erwidere darauf:

  1. Wollen wir die Nebentätigkeiten unsere Angestellten in Zukunft nach Moral durchleuchten?
  2. Das tun auch Erzieher in kirchlichen KiTas. Und ja, das ist vergleichbar, denn einige Lehren beispielsweise der katholischen Kirche, sind gefährlich. Müssen wir in Zukunft darauf achten, dass unsere Angestellten keinerlei Beruf hatten, der eine Überzeugung vermittelte?
  3. Wollen wir in Zukunft die Veröffentlichung unserer Angestellten auf Konformität mit unseren Überzeugungen untersuchen?
  4. Das ist der einzige für mich valide Punkt, an dem eine Kritik ansetzen könnte, wäre die Dame denn politisch in der Gesundheitspolitik tätig und nicht als Fraktionsgeschäftsführerin. Eine ihrer ehemaligen Arbeitsstätten war wohl der Posten als Gesundheitsreferentin bei der FDP. Warum haben wir dann jetzt den Skandal? Bei uns organisiert sie - meines Wissens, irre ich mich? - den Büroablauf. Wo dabei ihre privaten Nebentätigkeiten einschränkend eine Rolle spielen, kann ich nicht sehen.
Meines Erachtens vergessen hier einige, dass wir über eine Angestellte der Fraktion reden, die den Entscheidern organisatorisch zuarbeitet. Sie macht keine wissenschaftliche oder politische Arbeit. Und sie ist daher konsequenterweise auch nicht gewählt worden, sondern von der Fraktion angestellt. Daraus einen Skandal zu machen ist absurd.