In diesem Artikel im Kegelclub beschreiben die Autoren @herrurbach bzw. @acid23 sich selbst als "Alltagssexisten" und benennen einige der Vorurteile, die sie in ihrem Alltag Frauen gegenüber an den Tag legen. Sie nennen einige Beispiele, etwa der Blick auf die Busen und Po oder dass sie bei einem langsam fahrenden Autofahrer zunächst davon ausgehen, es wäre eine Frau. Und sie kommen zu dem Schluss, dass dieses Verhalten sexistisch und falsch ist und dem anderen Geschlecht "einen Teil ihres Menschseins" raube.
Ein längerer Teil des Artikels handelt dann auch darüber, wie sie versuchen, ihr Verhalten zu kontrollieren, aber immer wieder "schnappt das Gummiband zurück". Sie beschreiben, wie sie "in einer sexistischen Umgebung" aufgewachsen seien, in der "die Vorurteile und kleinen Späße [..] kein Problem" waren und auch nicht Gesprächsthema.
Ich habe da etwas andere Ansichten. Sicher, ich zeige dieselben Verhaltensweisen. Ich schaue (schöne, das sind die meisten) Frauen lieber an als Männer, nicht nur im Gesicht. Ich bin einer Frau gegenüber zuvorkommender, freundlicher und offener. Wenn ein Auto mitten im Verkehr den Motor abwürgt, bin ich nicht überrascht, wenn eine Frau am Steuer sitzt. Und auch ich würde einer Frau gegenüber technische Dinge anders erklären als einem Mann. Jeweils unterstellt, dass ich von jemandem rede, den ich noch nicht kenne.
Diese Verhaltensweisen zeige ich bei vielen Unterscheidungsmerkmalen: Beispiel Alter: Ich schaue (schöne, das sind die meisten) junge Menschen lieber an als alte, nicht nur im Gesicht. Wenn eine Auto mitten im Verkehr den Motor abwürgt, bin ich nicht überrascht, wenn ein älterer Mensch am Steuer sitzt. Und auch ich würde einem älteren Menschen gegenüber technische Dinge anders erklären als bei einem jungen Menschen.
Ähnliche Beispiele lassen sich für sehr viele von außen leicht erkennbare Merkmale finden: Herkunft (der äußeren Erscheinung nach), Größe, Gepflegtheit, Automarke, Kleidung, Stadtkürzel des Nummernschilds und so weiter. Die Liste ist endlos. Natürlich ist es ebenso ein Vorurteil, wenn ich jedem Mercedesfahrer unterstelle eine "eingebaute Vorfahrt" zu haben, wie wenn ich bei jedem Fahrer mit SU-Nummernschild von einer rücksichtslosen Fahrweise ausgehe, wenn ich bei einer Person mit sehr kurzen Haaren sofort an Neonazis denke oder wenn ich bei Menschen osteuropäischer Herkunft ohne es zu wollen etwas vorsichtiger bin und vielleicht die Straßenseite wechsle. Bei vorgenannten kurzhaarigen Personen übrigens auch.
Wir brauchen Vorurteile. Wie sonst sollen wir mit jeder Alltagssituation umgehen? Wir können nicht alles und jeden gleich behandeln. Ich meine damit nicht, dass dieses Verhalten aus irgendeinem Grund unpraktisch wäre oder so, sondern dass wir es schlicht und ergreifend nicht können. Menschen werten. Immer. Auch, wenn sie jemanden zum allerersten Mal sehen. Das heißt aber doch automatisch, dass Vorurteile eine Rolle spielen, denn beim allerersten Sehen weiß ich über mein Gegenüber eben nur, was ich sehe. Allein daran kann man kaum eine Fähigkeit oder Charaktereigenschaft zuverlässig bestimmen. Mit anderen Worten: man vorurteilt.
Und ich weiß, dass manche, sogar viele, dieser Vorurteile falsch sind, das heißt, dass eben das ungute Gefühl, dass mich leider bei einem fremden Menschen osteuropäischer Herkunft manchmal beschleicht, irrational und nicht auf belegbaren Fakten begründet ist und eine besondere Vorsicht unnötig und dem Menschen gegenüber verletzend ist. Das muss ich reflektieren und meistens, hoffe ich, gelingt mir das ganz gut und ich wechsle eben nicht die Straßenseite.
Wenn ich mich im Auto mal wieder über Mercedesfahrer aufrege, sehe ich das schon ein bisschen anders. Die Reflektion ist hier einfacher: Ich ändere mein Verhalten gegenüber Mercedesfahrern nicht. Daher ist das Vorurteil schon harmloser und ich muss auch nicht immer daran denken.
Es sind auch nicht alle Vorurteile per se falsch. Auch sie gründen ja, zum Teil, auf Erfahrungen. So haben viele ältere Menschen mehr Probleme mit Technik als jüngere, darum ist es nicht falsch, darauf einzugehen. Wenn man dann mal die Ausnahme von dieser Regel erwischt, ist das vielleicht unangenehm und möglicherweise auch unschön, aber alle Menschen gleich zu behandeln würde das Erklären doch arg erschweren, da man entweder vielen die Dinge zu kompliziert erklärt oder viele mit unnötig ausführlichen Erklärungen langweilt.
Auch die Vorurteile über die Geschlechter sind nicht alle per se falsch. Das zu behaupten wäre realitätsfern. Meiner Meinung nach sind Frauen beispielsweise in der Regel einfühlsamer, offener, als Männer. Sie sind üblicherweise weniger wettbewerbsorientiert, ich würde fremden Frauen zum Beispiel ganz andere Gesellschaftsspiele vorschlagen als Männern. Das sind natürlich Erfahrungswerte und somit auch ein Durchschnitt, das heißt dass natürlich viele Frauen auch die strategischen und taktischen Spiele gerne Spiele, die ich eher Männern unterstelle (und umgekehrt), doch die meisten eben nicht. Männer und Frauen unterschiedlich zu behandeln ist damit nicht per se falsch.
Wichtig ist aus meiner Sicht die Reflektion: Man sollte sich bewusst sein, auf welch dünner Grundlage, nämlich der Wahrnehmung der wenigen sichtbaren Merkmale, man sein erstes Urteil bildet. Man (und das ist ganz bewusst mit einem 'n' geschrieben) sollte bereit sein, seine Einschätzung bei näherem Hinsehen, gewissermaßen mit dem Erlangen weiterer Informationen über die Person, zu revidieren. Wenn ich einem fremden, älteren Menschen einen technischen Sachverhalt erkläre und bemerke, dass dieser mir sehr gut und schnell folgen kann, dann ändere ich die Art des Erklärens und passe mich an. Dieser Mensch ist damit in dieser Hinsicht für mich auch nicht mehr so fremd, und ich gelange einen Schritt vom Vorurteil in Richtung Urteil.
Man sollte auch reflektieren, welches Verhalten man den anderen Menschen gegenüber an den Tag legt. Ich kann Vorurteile nicht prinzipiell aufheben, das widerspricht meiner Natur als Mensch und ich glaube keinem Menschen, der auch nur behauptet, in dieser Hinsicht Fortschritte zu machen. Ich kann aber mein Verhalten kontrollieren, kann mir eines Vorurteils bewusst werden und versuchen, trotzdem möglichst allen Menschen die gleiche Achtung entgegenzubringen. Das mache ich zum Beispiel, in dem ich auch bei einer Person, die in mir ein unangenehmes Gefühl erzeugt, bei der ein erster Reflex wäre, die Straßenseite zu wechseln, bewusst auf der Straßenseite bleibe. Oder indem ich einer Frau vielleicht bestimmte Verhaltensweisen am Steuer eines Autos im Geiste unterstelle, mich aber trotzdem davon abhalte, Hinweise auf eine bessere Fahrweise zu geben oder dergleichen.
Das ist nicht immer leicht und sicher gelingt es keinem perfekt. Mir bestimmt nicht. Und sicher bin ich auch, in einer gewissen Bedeutung des Wortes, sexistisch im Alltag. Denn natürlich (in der wahrsten Bedeutung dieses Wortes, nämlich auf Grund meiner Natur) versuche ich einer attraktiven Frau mehr zu gefallen als einem fremden Mann. Dieses Verhalten diskriminiert nicht nur den Mann, sondern auch weniger attraktive Frauen. Damit gebe ich einem begrenzten Kreis Menschen einen Bonus, den andere sich erst erarbeiten müssen. Wie sollte ich das aber ändern? Ich möchte nun mal keine besondere Aufmerksamkeit (und damit ist nichts sexuelles gemeint, dass über vielleicht einen harmloser Flirt und ein nettes Gespräch hinausgeht) von Männern oder unattraktiven oder unsympathischen Frauen, sondern von attraktiven und sympathischen, und das sind nun mal Eigenschaften, die ganz eng mit dem Äußeren verbunden sind, und damit essentiell Vorurteile. Da habe ich auch keine Lösung für.
Mein Fazit: @herrurbach und @acid23 verdienen Respekt dafür, dass sie über ihr eigenes Verhalten reflektieren und versuchen, an sich zu arbeiten. Ich glaube allerdings, dass sie ein wenig an der falschen Stelle ansetzen. Man hat das Gefühl, die beiden wollen ihre Gedanken ändern. Das wird ihnen nicht gelingen, da bin ich mir sicher. Mit viel Reflektion kann man aber sicher sein Verhalten in vielerlei Hinsicht anpassen, so dass die Wirkung von Vorurteilen stark abgeschwächt werden kann.
Nachtrag: Ich verwende das Wort "Vorurteil" im Rahmen dieses Textes nicht im Sinne eines dauerhaft vorhandenen Urteils über eine Gruppe mit einem bestimmten Merkmal. Ein solches Vorurteil gehört selbstverständlich dauerhaft bekämpft und abgeschafft und es zu akzeptieren hieße tatsächlich, Sexist, Rassist oder entsprechend des 'verurteilten' Merkmals ein anderer -ist zu sein. Ich verwende das Wort "Vorurteil" im Sinne eines Urteils gegenüber eines Angehörigen einer Gruppe mit einem bestimmten Merkmal , das vorübergehend Anwendung findet, bis man genaueres erfährt.
So habe ich @herrurbach und @acid23 auch verstanden, jedenfalls legen ihre gewählten Beispiele das nahe.
Argolas schreibt über dies und jedes mit einem Schwerpunkt auf politischen Unsinn, der verzapft wird.
Mittwoch, 7. Dezember 2011
Sonntag, 27. November 2011
Guter Cop, Böser Cop?
Inzwischen werden die meisten Leser es schon gehört haben, ein Cop der U.C. Davis Police, Lt. John Pike, hat friedlich sitz-blockierende und parolen-skandierende Studenten mit lässiger Handbewegung und Miene, soweit man das in der Kampfmontur sehen kann, mit Pfefferspray ins Gesicht gesprüht.
Jetzt hat Anonymous angekündigt, den Polizisten wie ein Schwein quitschen zu lassen. "We'll make you squeal like a pig." Dabei wurden auch die Adresse, die Telefonnummern und weitere persönliche Daten von Pike veröffentlicht.
Die Tat ist verachtenswürdig. Es handelte sich nach allem, was man liest und sieht, um friedlichen zivilen Ungehorsam und es war zwar laut, aber die Studenten erschienen auf den Videos, die ich gesehen habe, friedlich und gewaltfrei. Sie haben irgendeinen Weg blockiert, ich glaube, zu einem Protestcamp, das geräumt werden soll. Ganz ehrlich, es sah geradezu aus, als könne die Polizei da einfach drumherumlaufen, denn die Sitzblockade war nur wenige Meter breit, soweit man das erkennen konnte.
Die ganze Pfefferspray Aktion erscheint mir also nicht nur menschenverachtend, unmoralisch und illegal, sondern auch unnütz. Tatsächlich erscheint Lt. Pike auf den Videos lässig und unbeteiligt, als er die Studenten einsprüht. Trotzdem habe ich einen üblen Geschmack im Mund, wenn ich mir die Reaktion von Anonymous anschaue. Die Veröffentlichung der privaten Adresse und weiterer Kontaktdaten zusammen mit schlagwortartigen Aufrufen werden mit Sicherheit von manchen Leuten als Aufruf zu Gewalt gegen den Polizisten verstanden.
Mir erscheint die Reaktion zu personenbezogen: Ja, dieser Polizist hat Pfefferspray benutzt und er gehört dafür angeklagt, aber seine Körperhaltung kann dabei nicht ins Urteil mit einfließen. Niemand weiß, was er in dem Moment gedacht hat. Vielleicht hat es ihn Überwindung gekostet, aber er hatte die Entscheidung getroffen und die zur Schau gestellte Gleichgültigkeit war seine Methode, seine Bedenken zu überwinden.
Welche Körperhaltung und welcher Gemütszustand ist denn beim derartiger Gewalt gegen Studenten akzeptabel? Ein grimmiger Blick, der Bereitschaft zu mehr Gewalt suggeriert? Tränen in den Augen wegen der Schmerzen? Ein neutraler Blick? Wut gar?
Werft dem Polizisten vor, dass er brutal war und unnötig Gewalt angewendet hat. Klagt ihn an, 'memed' ihn meinetwegen und macht ihn etwas lächerlich. Tut ihm aber nichts an und lasst es auch nicht so erscheinen, als würde Gewalt gegen ihn gut sein. Schon der Ansatz führt in eben jene Lage, in der sich die Polizei jetzt befindet. So sehr ich die Polizei inzwischen teilweise fürchte und verachte und ein mulmiges Gefühl habe, wenn bei einer Massenveranstaltung Einsatzwagen mit Dutzenden Polizisten in Kampfmontur bereitstehen, so sehr lehne ich jegliche Lynchjustiz ab und vertraue darauf, dass eine unabhängige und freie Justiz das Mittel der Wahl ist, um auch mit Polizeigewalt fertig zu werden. Das ist die Baustelle.
Jetzt hat Anonymous angekündigt, den Polizisten wie ein Schwein quitschen zu lassen. "We'll make you squeal like a pig." Dabei wurden auch die Adresse, die Telefonnummern und weitere persönliche Daten von Pike veröffentlicht.
Die Tat ist verachtenswürdig. Es handelte sich nach allem, was man liest und sieht, um friedlichen zivilen Ungehorsam und es war zwar laut, aber die Studenten erschienen auf den Videos, die ich gesehen habe, friedlich und gewaltfrei. Sie haben irgendeinen Weg blockiert, ich glaube, zu einem Protestcamp, das geräumt werden soll. Ganz ehrlich, es sah geradezu aus, als könne die Polizei da einfach drumherumlaufen, denn die Sitzblockade war nur wenige Meter breit, soweit man das erkennen konnte.
Die ganze Pfefferspray Aktion erscheint mir also nicht nur menschenverachtend, unmoralisch und illegal, sondern auch unnütz. Tatsächlich erscheint Lt. Pike auf den Videos lässig und unbeteiligt, als er die Studenten einsprüht. Trotzdem habe ich einen üblen Geschmack im Mund, wenn ich mir die Reaktion von Anonymous anschaue. Die Veröffentlichung der privaten Adresse und weiterer Kontaktdaten zusammen mit schlagwortartigen Aufrufen werden mit Sicherheit von manchen Leuten als Aufruf zu Gewalt gegen den Polizisten verstanden.
Mir erscheint die Reaktion zu personenbezogen: Ja, dieser Polizist hat Pfefferspray benutzt und er gehört dafür angeklagt, aber seine Körperhaltung kann dabei nicht ins Urteil mit einfließen. Niemand weiß, was er in dem Moment gedacht hat. Vielleicht hat es ihn Überwindung gekostet, aber er hatte die Entscheidung getroffen und die zur Schau gestellte Gleichgültigkeit war seine Methode, seine Bedenken zu überwinden.
Welche Körperhaltung und welcher Gemütszustand ist denn beim derartiger Gewalt gegen Studenten akzeptabel? Ein grimmiger Blick, der Bereitschaft zu mehr Gewalt suggeriert? Tränen in den Augen wegen der Schmerzen? Ein neutraler Blick? Wut gar?
Werft dem Polizisten vor, dass er brutal war und unnötig Gewalt angewendet hat. Klagt ihn an, 'memed' ihn meinetwegen und macht ihn etwas lächerlich. Tut ihm aber nichts an und lasst es auch nicht so erscheinen, als würde Gewalt gegen ihn gut sein. Schon der Ansatz führt in eben jene Lage, in der sich die Polizei jetzt befindet. So sehr ich die Polizei inzwischen teilweise fürchte und verachte und ein mulmiges Gefühl habe, wenn bei einer Massenveranstaltung Einsatzwagen mit Dutzenden Polizisten in Kampfmontur bereitstehen, so sehr lehne ich jegliche Lynchjustiz ab und vertraue darauf, dass eine unabhängige und freie Justiz das Mittel der Wahl ist, um auch mit Polizeigewalt fertig zu werden. Das ist die Baustelle.
Montag, 7. November 2011
CDU-Linksruck: Gut für die Piraten. Und ein Aufruf!
Die CDU rückt gewaltig nach links. So sieht es zumindest aus. Die Einführung des Mindestlohns scheint beschlossene Sache. Der Atomausstieg ist mal wieder beschlossen worden. Die Wehrpflicht ist so gut wie abgeschafft.
Ich finde das gut, alle diese Punkte. Ich bin - wenn man mich in das Links-Rechts-Schema zwängt - irgendwo zwischen SPD und Linken, in der Nähe der Grünen - die aber ja selbst schon nicht so recht passen. Insofern ist es natürlich klasse, wenn die eigentlich eher rechte Regierung diese linken Programme erfüllt.
Ich bin aber seit neuestem - noch nicht ganz offiziell, wo bleibt bloß meine Mitgliedsnummer? - Pirat. Und ich finde, die Piraten lassen sich nicht in das Links-Rechts-Schema einordnen. Wenn man sie in die Schablone drückt, werden sie schon irgendwo links der Mitte herauskommen, nehme ich an, aber man wird auch merken: Sie passen da nicht rein. Und genau deshalb ist es richtig gut, wenn die CDU nach links rückt und von der SPD kaum noch unterschieden werden kann. Denn je schwammiger die großenVolksParteien sich untereinander profilieren, desto mehr hebt sich der Unterschied zwischen der CDU, der SPD und den Linken auf der einen Seite und den Piraten auf der anderen Seite ab: Die einen passen in das Schema, die anderen nicht. (Die Grünen habe ich bewusst außen vor gelassen.)
Es ist der Stil und der innerparteiliche Prozess, der den Unterschied ausmacht. Der Fraktionszwang, der Zwang zur Einigkeit nach außen.
Damit kommen wir aber zu einer großen Sorge, die ich habe: Ich höre in letzter Zeit oft, wie den Piraten vorgeworfen wird, sie hätten noch kein vollständiges Programm und keine Antwort auf einige wichtige Fragen. Oft antworten Piraten oder Freunde der Piraten dann, bis zur Bundestagswahl würde das Programm schon stehen oder zumindest größtenteils. Ich hielte das für falsch. Ich glaube, die Piraten fahren am Besten, wenn sie sich wenig Programm geben und jeden Punkt, der intern nicht von einer großen(!) Mehrheit beschlossen wird, einfach offen lassen.
Denn das Problem unseres Politiksystems ist meines Erachtens die Parteienpolitik, die sich im Fraktionszwang und in der Listenwahl äußert und so den Parteien die Werkzeuge in die Hand gibt, den eigentlich vom Bürger legitimierten Politiker unter Druck zu setzen. ("Wenn Du den Fraktionszwang nicht beachtest, fliegst Du in vier Jahren von der Liste.") Ich glaube, unsere Politik wäre sinnvoller, nachhaltiger und verantwortungsvoller, wenn die Abgeordneten in erster Linie ihrem Gewissen, ihrer eigenen Meinung verpflichtet wären. Das geht aber nur, wenn die Fraktion eben nicht in jeder wichtigen und unwichtigen Frage eine Fraktionslinie hat, die eingehalten werden muss.
Daher, liebe Piraten: Gebt Euchkein wenig Programm. Bleibt frei! Verpflichtet Euch nur, wenn eine wirklich große Mehrheit der Partei die Entscheidung mitträgt. Sollten wir hoffentlich irgendwann einmal koalieren: Keine Verpflichtungen im Koalitionsvertrag, außer bei den Punkten, bei denen schon Einigkeit besteht. Jede politische Entscheidung sollte im jeweiligen Parlament eine Mehrheit finden, ungeachtet der Meinung der Rädelsführer in den Fraktionen oder auch der Mehrheiten in den Fraktionen, denn in einem Parlament geht es um die Mehrheiten des ganzen Parlaments!
Ich finde das gut, alle diese Punkte. Ich bin - wenn man mich in das Links-Rechts-Schema zwängt - irgendwo zwischen SPD und Linken, in der Nähe der Grünen - die aber ja selbst schon nicht so recht passen. Insofern ist es natürlich klasse, wenn die eigentlich eher rechte Regierung diese linken Programme erfüllt.
Ich bin aber seit neuestem - noch nicht ganz offiziell, wo bleibt bloß meine Mitgliedsnummer? - Pirat. Und ich finde, die Piraten lassen sich nicht in das Links-Rechts-Schema einordnen. Wenn man sie in die Schablone drückt, werden sie schon irgendwo links der Mitte herauskommen, nehme ich an, aber man wird auch merken: Sie passen da nicht rein. Und genau deshalb ist es richtig gut, wenn die CDU nach links rückt und von der SPD kaum noch unterschieden werden kann. Denn je schwammiger die großen
Es ist der Stil und der innerparteiliche Prozess, der den Unterschied ausmacht. Der Fraktionszwang, der Zwang zur Einigkeit nach außen.
Damit kommen wir aber zu einer großen Sorge, die ich habe: Ich höre in letzter Zeit oft, wie den Piraten vorgeworfen wird, sie hätten noch kein vollständiges Programm und keine Antwort auf einige wichtige Fragen. Oft antworten Piraten oder Freunde der Piraten dann, bis zur Bundestagswahl würde das Programm schon stehen oder zumindest größtenteils. Ich hielte das für falsch. Ich glaube, die Piraten fahren am Besten, wenn sie sich wenig Programm geben und jeden Punkt, der intern nicht von einer großen(!) Mehrheit beschlossen wird, einfach offen lassen.
Denn das Problem unseres Politiksystems ist meines Erachtens die Parteienpolitik, die sich im Fraktionszwang und in der Listenwahl äußert und so den Parteien die Werkzeuge in die Hand gibt, den eigentlich vom Bürger legitimierten Politiker unter Druck zu setzen. ("Wenn Du den Fraktionszwang nicht beachtest, fliegst Du in vier Jahren von der Liste.") Ich glaube, unsere Politik wäre sinnvoller, nachhaltiger und verantwortungsvoller, wenn die Abgeordneten in erster Linie ihrem Gewissen, ihrer eigenen Meinung verpflichtet wären. Das geht aber nur, wenn die Fraktion eben nicht in jeder wichtigen und unwichtigen Frage eine Fraktionslinie hat, die eingehalten werden muss.
Daher, liebe Piraten: Gebt Euch
Steuersenkung - nein, danke!
Gerade lese ich in der Tageszeitung (jawohl, ich habe die noch handfest auf Papier abonniert), dass sich die große Koalition auf Steuersenkungen geeinigt habe. Gestern habe ich dazu bei einer kurzen Autofahrt ausschnittsweise einen Politiker, Partei unbekannt, gehört, der meinte, die Bundesländer müssten da mitmachen, sie stünden in einer Verpflichtung dem Bürger gegenüber, bei großen Einnahmen dem Bürger zu helfen.
Hier möchte ich widersprechen: Nein, tun sie nicht. Die Bundesländer und auch der Bund stehen in der Verpflichtung kurz-, mittel- und langfristig gute Politik zu machen und sie scheitern meines Erachtens schon beim kurzfristigen Teil. Nicht nur ist es verantwortungslos, ein so hoffnungslos verschuldetes Land wieGriechenland Deutschland nicht mit aller Kraft zu entschulden, wie man gerade an Spanien Portugal Italien Irland den USA Griechenland sieht, es ist sogar verboten. Die Schuldenbremse, von Merkel selbst als Vorlage für Europa und die Welt gelobt, schreibt wohl vor, dass alle konjunkturell bedingten Mehreinnamen des Staates direkt in die Schuldentilgung fließen müssen. Jede neue Ausgabe oder Steuersenkung dagegen muss durch Einsparungen an anderer Stelle oder Steuererhöhungen gegenfinanziert werden.
(Dass dieses ganze Konzept angesichts der Abhängigkeit der Einnahmen von der Konjunktur wackelig ist, sei hier nur mal so dahingestellt.)
Mit anderen Worten: Nicht nur verpasst die Koalition momentan die konjunkturell gegebene Chance, etwas die Schulden abzubauen und es damit für die nächste Generation etwas einfacher zu machen, sie verstößt auch noch gegen die Verfassung. Bravo!
Noch eine kleine Randbemerkung: Die Steuersenkung soll im Jahr 2013 bzw. 2014 greifen, also nach der Bundestagswahl. Damit sich die dann mutmaßlich andersfarbige Regierungskoalition vorwerfen lassen darf, Steuergelder nicht zur Schuldentilgung auszugeben.
Und noch eine Randbemerkung: Nicht eingehen werde ich in diesem Artikel auf diegerechte Verteilung der Steuergeschenke und auf die Herdprämie das Erziehungsgeld. Aber auch nicht auf den geplanten Mindestlohn.
Letzte Randbemerkung: Ich war wirklich überrascht: Der General Anzeiger Bonn kritisierte in einem Kommentar nicht etwa die Ankündigung der SPD, gegen die Steuerkürzungen notfalls zu klagen, sondern verteidigte dieses Recht der SPD sogar. Diesmal ein ernstgemeintes: Bravo!
Hier möchte ich widersprechen: Nein, tun sie nicht. Die Bundesländer und auch der Bund stehen in der Verpflichtung kurz-, mittel- und langfristig gute Politik zu machen und sie scheitern meines Erachtens schon beim kurzfristigen Teil. Nicht nur ist es verantwortungslos, ein so hoffnungslos verschuldetes Land wie
(Dass dieses ganze Konzept angesichts der Abhängigkeit der Einnahmen von der Konjunktur wackelig ist, sei hier nur mal so dahingestellt.)
Mit anderen Worten: Nicht nur verpasst die Koalition momentan die konjunkturell gegebene Chance, etwas die Schulden abzubauen und es damit für die nächste Generation etwas einfacher zu machen, sie verstößt auch noch gegen die Verfassung. Bravo!
Noch eine kleine Randbemerkung: Die Steuersenkung soll im Jahr 2013 bzw. 2014 greifen, also nach der Bundestagswahl. Damit sich die dann mutmaßlich andersfarbige Regierungskoalition vorwerfen lassen darf, Steuergelder nicht zur Schuldentilgung auszugeben.
Und noch eine Randbemerkung: Nicht eingehen werde ich in diesem Artikel auf die
Letzte Randbemerkung: Ich war wirklich überrascht: Der General Anzeiger Bonn kritisierte in einem Kommentar nicht etwa die Ankündigung der SPD, gegen die Steuerkürzungen notfalls zu klagen, sondern verteidigte dieses Recht der SPD sogar. Diesmal ein ernstgemeintes: Bravo!
Mittwoch, 26. Oktober 2011
Wann ist eine Idee schützenswert und was ist überhaupt eine Idee?
Neulich habe ich in den Kommentaren des Blogs von Hollarius über die mögliche Neugestaltung des Urheberrechts diskutiert. Das nehme ich jetzt mal zum Anlass, mir hier etwas ausführlicher meine Gedanken zu machen, auch, weil meine Kommentare bei Hollarius relativ spontan in die Tasten gehauen waren und somit nicht völlig durchdacht.
Zunächst: Ich bin der Meinung, dass die meiste Kunst wie Lieder, Theaterstücke, Romane und dergleichen ins Reich der Ideen gehören und damit ähnlich behandelt werden sollten wie beispielsweise Patente, Erfindungen und Software behandelt werden sollten. Hierzu meine Begründung: Eine Idee kann keine Urheberschaft erzeugen oder jedenfalls keine besonderen Rechte daraus. Denn eine Idee kann jeder haben und daraus, das der eine sie eher hatte, sich ihrer eher bewusst war oder eher dazu gekommen ist, sie schützend anzumelden oder dergleichen ergibt sich eben noch keinerlei Sonderrecht, aus der Idee einen nutzen zu ziehen. Das leuchtet bei alltäglichem sofort ein: Ein Kochrezept, dass ein Hobbykoch durch herumprobieren 'entdeckt', die Zusammenstellung eines Blumenstrauß, das Bild eines dreijährigen Kindes. Alles tolle Ideen, die insbesondere bei letzterem auch relativ eindeutig auf eigene Kreativität zurückzuführen sind und eindeutig nicht auf eine bestimmte Vorlage zurückzuführen.
Trotzdem ist auch klar, dass diese Dinge nicht neu sind: Das Rezept mag in einer anderen Familie eine lange Tradition haben, die Blumen stellt der Blumenladen in einem Vorort von Moskau vielleicht schon lange so zusammen und die Kopffüssler eines Dreijährigen ähneln nunmal fast zwangsläufig den Kopffüsslern von Millionen anderen Dreijährigen. Und trotzdem wurde die Idee in keinem der Fälle geklaut.
Kann aber aus einer Idee, die jeder haben könnte, eine Leistung werden, die eindeutig und anerkennenswert ist? Spontan möchte man sagen ja: Eine abendfüllende Oper ist eben ganz einfach so lang und umfangreich, dass es recht unwahrscheinlich ist, dass jemand anders sie nochmal ersinnen kann. Somit wird der Schluß gezogen, dass ein sehr ähnliches Werk wohl auf der Oper basiert und gewissermaßen eine etwas veränderte Kopie darstellt. Ein Computerprogramm erscheint ebenfalls hinreichend komplex, dass bei ausreichender Ähnlichkeit auf bewusste oder unbewusste Nachahmung geschlossen werden kann.
Wo liegt nun aber die Grenze zwischen einer Idee, die jeder haben könnte und einem Werk, das so komplex ist, dass ein Zufall ausgeschlossen erscheint, wenn etwas ähnliches erstellt wird? Und kann eine solche Grenze gezogen werden? Musikstücke bestehen oft aus einem Thema, das variiert und doch wiedererkennbar immer wieder vorgetragen wird. So ein Thema kann eine recht kurze Melodie sein, die vielleicht ein oder zwei Takte lang ist. Eine so kurze Melodie aber ist meiner Meinung nach durchaus nicht so einzigartig, dass sie nicht unabhängig von der Kenntnis des "Originals" erdacht werden könnte. Wie komplex, wie lang, muss eine Melodie sein, und wie oft und variiert wiederholt werden, damit 'eindeutig' ist, dass es sich niemand dieselbe Melodieabfolge zufällig auch so (oder verwechselbar ähnlich) ausdenken kann? Da es sich um Wahrscheinlichkeiten handelt, ist die Antwort aus meiner Sicht ganz eindeutig: Unendlich lang, mit anderen Worten, jede noch so lange Melodie könnte durch jemanden erdacht werden, der sie nicht schon gehört hat. Das ist ja schon dadurch bewiesen, dass der 'ursprüngliche' Künstler die Melodie auch erdacht hat, ohne sie vorher zu hören, vorher hatte sie ja noch niemand erdacht.
Der Schritt von der Musik, die mir hier als Beispiel diente, zu anderen Formen der Kreativität - Malerei, Schreiben, um nur einige zu nennen - erscheint mir unproblematisch. Was in der Musik die Zusammenstellung der Noten ist in der Malerei die der Farben, beim Schreiben die der Worte. Warum sollte ein Dialog aus einem Theaterstück, der möglicherweise sogar im Alltag so stattfinden könnte, je nachdem, einzigartig sein, wo doch der Autor schon durch sein eigenes Werk den Beweis erbringt, dass die Kenntnis ebendieses Werkes nicht notwendig ist, um es zu erstellen? Nicht zuletzt ergibt sich ja auch die Möglichkeit, dass eben doch sogar schon jemand anders vorher sich das Werk so oder fast genau so erdacht hat.
Damit komme ich für mich also zu dem Schluß, dass eine Idee nicht schützenswert ist und auch eine komplexe Komposition von Ideen nicht schützenswert sein kann. Damit meine ich natürlich nicht nur die von mir genannten Beispiele von Kunst und Kreativität, sondern auch Design, Architektur, Programmierung, Rezepturen, Materialmischungen und so fort. All das ist meiner Meinung nach nicht schützenswert. Schützenswert meint hier, dass eine Art besonderes Recht für denjenigen existieren muss, der irgendetwas zum ersten Mal anmeldet, macht oder aufschreibt.
Bleibt die Frage, die Hollarius hier ganz anders beantwortet als ich: Wie sollen Kreative etwas bekommen für ihre Arbeit? Denn es ist zweifelsohne häufig (aber nicht immer und so krass, wie Hollarius das beschreibt) der Fall, dass Kreative lange und hart arbeiten müssen, um eine solche komplexe Zusammenstellung von kleinen Ideen wie ein Theaterstück, ein Stück Software oder eine Musikstück fertigzustellen. Und es ist für die Gesellschaft ja unbestritten förderlich und sinnvoll, wenn Kreative ihre Arbeit tun und Neues erschaffen, sei es zur Unterhaltung, sei es nützlich. Hierauf bietet meiner Meinung nach das bedingungslose Grundeinkommen eine Antwort, da es die Möglichkeit(!) bietet, dass der Lohn einer Arbeit wieder fairer wird. Wann ein Lohn fair ist, ist eine Frage für sich, ich meine in dem Fall, dass der Lohn sich dem tatsächlichen Bedarf anpassen wird, und zwar sowohl dem Bedarf des Zahlenden an der Arbeitskraft des Kreativen, was ja seine Kreativität mit einschließt, als auch an dem Bedarf des Kreativen an einer Entlohnung für seine Mühen, was auch z.B. eine Ausbildung, ein Studium oder entsprechende Fähigkeiten und Erfahrungen mit einschließt.
Die Chance für jeden einzelnen, jeden Job abzulehnen, der nicht angemessen bezahlt wird, ermöglicht den Druck auf die Zahlenden, so viel zu zahlen, bis genügend Leute die Arbeit machen. Bei Kreativen wie Autoren oder Malern ist die Rolle des Zahlenden sicher nicht so eindeutig definiert, was ein Problem darstellt. Aber keines, was nicht überwunden werden kann. Und nicht zuletzt ist meine Hoffnung und auch Überzeugung auch, dass die Einführung des BGE die Gesellschaft wegführt von reinem Gewinnstreben hin zu mehr Gerechtigkeitsstreben. Vielleicht werden Musiker ihre Musik häufig kostenlos abgeben - aber durch Spenden trotzdem angemessen entlohnt werden. Oder es entstehen Netzwerke, in denen die Musiker durch die Gesellschaft je nach Anzahl der Kopien, die von ihren Stücken in Umlauf sind, belohnt werden (auch wenn es mir beim Gedanken an eine Mischung aus GEMA und GfK etwas gruselt).
Ich denke, die Anpassung von Angebot und Nachfrage wird erfolgen. Auch Künstler sind nicht so selbstlos, dass sie einfach immer weiter Kunst schaffen, auch wenn es nicht entlohnt wird. Und dadurch wird das "Angebot" an Kunst so zurückgehen, dass der Preis dafür steigt, also die Bereitschaft, etwas dafür zu bezahlen. (Sollte die Annahme, dass Künstler sowieso für lau Kunst machen, doch wahr sein, dann sollte nicht die ganze Gesellschaft mit einem starren und unzeitgemäßen Urheberrecht dafür büßen, dass Künstler solche Gutmenschen sind.)
Das hier ist sicher nicht der Weisheit letzter Schluß. Ich habe mich jetzt zwar einige Stunden mit Überlegungen zu dem Thema befasst, aber das ist ja immer auch eine Frage der Überzeugungen und des eigenen Menschenbilds. Daher wird sich fast sicher meine Meinung zu diesem Thema noch verändern, wenn ich weiter darüber nachdenke und diskutiere. Insofern: Los, bringt mich mit Euren Kommentaren zum Nachdenken und Diskutieren!
Zunächst: Ich bin der Meinung, dass die meiste Kunst wie Lieder, Theaterstücke, Romane und dergleichen ins Reich der Ideen gehören und damit ähnlich behandelt werden sollten wie beispielsweise Patente, Erfindungen und Software behandelt werden sollten. Hierzu meine Begründung: Eine Idee kann keine Urheberschaft erzeugen oder jedenfalls keine besonderen Rechte daraus. Denn eine Idee kann jeder haben und daraus, das der eine sie eher hatte, sich ihrer eher bewusst war oder eher dazu gekommen ist, sie schützend anzumelden oder dergleichen ergibt sich eben noch keinerlei Sonderrecht, aus der Idee einen nutzen zu ziehen. Das leuchtet bei alltäglichem sofort ein: Ein Kochrezept, dass ein Hobbykoch durch herumprobieren 'entdeckt', die Zusammenstellung eines Blumenstrauß, das Bild eines dreijährigen Kindes. Alles tolle Ideen, die insbesondere bei letzterem auch relativ eindeutig auf eigene Kreativität zurückzuführen sind und eindeutig nicht auf eine bestimmte Vorlage zurückzuführen.
Trotzdem ist auch klar, dass diese Dinge nicht neu sind: Das Rezept mag in einer anderen Familie eine lange Tradition haben, die Blumen stellt der Blumenladen in einem Vorort von Moskau vielleicht schon lange so zusammen und die Kopffüssler eines Dreijährigen ähneln nunmal fast zwangsläufig den Kopffüsslern von Millionen anderen Dreijährigen. Und trotzdem wurde die Idee in keinem der Fälle geklaut.
Kann aber aus einer Idee, die jeder haben könnte, eine Leistung werden, die eindeutig und anerkennenswert ist? Spontan möchte man sagen ja: Eine abendfüllende Oper ist eben ganz einfach so lang und umfangreich, dass es recht unwahrscheinlich ist, dass jemand anders sie nochmal ersinnen kann. Somit wird der Schluß gezogen, dass ein sehr ähnliches Werk wohl auf der Oper basiert und gewissermaßen eine etwas veränderte Kopie darstellt. Ein Computerprogramm erscheint ebenfalls hinreichend komplex, dass bei ausreichender Ähnlichkeit auf bewusste oder unbewusste Nachahmung geschlossen werden kann.
Wo liegt nun aber die Grenze zwischen einer Idee, die jeder haben könnte und einem Werk, das so komplex ist, dass ein Zufall ausgeschlossen erscheint, wenn etwas ähnliches erstellt wird? Und kann eine solche Grenze gezogen werden? Musikstücke bestehen oft aus einem Thema, das variiert und doch wiedererkennbar immer wieder vorgetragen wird. So ein Thema kann eine recht kurze Melodie sein, die vielleicht ein oder zwei Takte lang ist. Eine so kurze Melodie aber ist meiner Meinung nach durchaus nicht so einzigartig, dass sie nicht unabhängig von der Kenntnis des "Originals" erdacht werden könnte. Wie komplex, wie lang, muss eine Melodie sein, und wie oft und variiert wiederholt werden, damit 'eindeutig' ist, dass es sich niemand dieselbe Melodieabfolge zufällig auch so (oder verwechselbar ähnlich) ausdenken kann? Da es sich um Wahrscheinlichkeiten handelt, ist die Antwort aus meiner Sicht ganz eindeutig: Unendlich lang, mit anderen Worten, jede noch so lange Melodie könnte durch jemanden erdacht werden, der sie nicht schon gehört hat. Das ist ja schon dadurch bewiesen, dass der 'ursprüngliche' Künstler die Melodie auch erdacht hat, ohne sie vorher zu hören, vorher hatte sie ja noch niemand erdacht.
Der Schritt von der Musik, die mir hier als Beispiel diente, zu anderen Formen der Kreativität - Malerei, Schreiben, um nur einige zu nennen - erscheint mir unproblematisch. Was in der Musik die Zusammenstellung der Noten ist in der Malerei die der Farben, beim Schreiben die der Worte. Warum sollte ein Dialog aus einem Theaterstück, der möglicherweise sogar im Alltag so stattfinden könnte, je nachdem, einzigartig sein, wo doch der Autor schon durch sein eigenes Werk den Beweis erbringt, dass die Kenntnis ebendieses Werkes nicht notwendig ist, um es zu erstellen? Nicht zuletzt ergibt sich ja auch die Möglichkeit, dass eben doch sogar schon jemand anders vorher sich das Werk so oder fast genau so erdacht hat.
Damit komme ich für mich also zu dem Schluß, dass eine Idee nicht schützenswert ist und auch eine komplexe Komposition von Ideen nicht schützenswert sein kann. Damit meine ich natürlich nicht nur die von mir genannten Beispiele von Kunst und Kreativität, sondern auch Design, Architektur, Programmierung, Rezepturen, Materialmischungen und so fort. All das ist meiner Meinung nach nicht schützenswert. Schützenswert meint hier, dass eine Art besonderes Recht für denjenigen existieren muss, der irgendetwas zum ersten Mal anmeldet, macht oder aufschreibt.
Bleibt die Frage, die Hollarius hier ganz anders beantwortet als ich: Wie sollen Kreative etwas bekommen für ihre Arbeit? Denn es ist zweifelsohne häufig (aber nicht immer und so krass, wie Hollarius das beschreibt) der Fall, dass Kreative lange und hart arbeiten müssen, um eine solche komplexe Zusammenstellung von kleinen Ideen wie ein Theaterstück, ein Stück Software oder eine Musikstück fertigzustellen. Und es ist für die Gesellschaft ja unbestritten förderlich und sinnvoll, wenn Kreative ihre Arbeit tun und Neues erschaffen, sei es zur Unterhaltung, sei es nützlich. Hierauf bietet meiner Meinung nach das bedingungslose Grundeinkommen eine Antwort, da es die Möglichkeit(!) bietet, dass der Lohn einer Arbeit wieder fairer wird. Wann ein Lohn fair ist, ist eine Frage für sich, ich meine in dem Fall, dass der Lohn sich dem tatsächlichen Bedarf anpassen wird, und zwar sowohl dem Bedarf des Zahlenden an der Arbeitskraft des Kreativen, was ja seine Kreativität mit einschließt, als auch an dem Bedarf des Kreativen an einer Entlohnung für seine Mühen, was auch z.B. eine Ausbildung, ein Studium oder entsprechende Fähigkeiten und Erfahrungen mit einschließt.
Die Chance für jeden einzelnen, jeden Job abzulehnen, der nicht angemessen bezahlt wird, ermöglicht den Druck auf die Zahlenden, so viel zu zahlen, bis genügend Leute die Arbeit machen. Bei Kreativen wie Autoren oder Malern ist die Rolle des Zahlenden sicher nicht so eindeutig definiert, was ein Problem darstellt. Aber keines, was nicht überwunden werden kann. Und nicht zuletzt ist meine Hoffnung und auch Überzeugung auch, dass die Einführung des BGE die Gesellschaft wegführt von reinem Gewinnstreben hin zu mehr Gerechtigkeitsstreben. Vielleicht werden Musiker ihre Musik häufig kostenlos abgeben - aber durch Spenden trotzdem angemessen entlohnt werden. Oder es entstehen Netzwerke, in denen die Musiker durch die Gesellschaft je nach Anzahl der Kopien, die von ihren Stücken in Umlauf sind, belohnt werden (auch wenn es mir beim Gedanken an eine Mischung aus GEMA und GfK etwas gruselt).
Ich denke, die Anpassung von Angebot und Nachfrage wird erfolgen. Auch Künstler sind nicht so selbstlos, dass sie einfach immer weiter Kunst schaffen, auch wenn es nicht entlohnt wird. Und dadurch wird das "Angebot" an Kunst so zurückgehen, dass der Preis dafür steigt, also die Bereitschaft, etwas dafür zu bezahlen. (Sollte die Annahme, dass Künstler sowieso für lau Kunst machen, doch wahr sein, dann sollte nicht die ganze Gesellschaft mit einem starren und unzeitgemäßen Urheberrecht dafür büßen, dass Künstler solche Gutmenschen sind.)
Das hier ist sicher nicht der Weisheit letzter Schluß. Ich habe mich jetzt zwar einige Stunden mit Überlegungen zu dem Thema befasst, aber das ist ja immer auch eine Frage der Überzeugungen und des eigenen Menschenbilds. Daher wird sich fast sicher meine Meinung zu diesem Thema noch verändern, wenn ich weiter darüber nachdenke und diskutiere. Insofern: Los, bringt mich mit Euren Kommentaren zum Nachdenken und Diskutieren!
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